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Berliner Experten schulen Möllner Lehrkräfte zu aktuellen Erscheinungsformen des Antisemitismus

Mirko Niehoff von KIgA e.V., der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (re.) schult Lehrer der Gemeinschaftsschule Mölln, des Astrid-Lindgren Förderzentrums und des Berufsbildungszentrums. Foto: hfr

Mölln (pm). Antisemitismus ist mit Blick auf die deutsche Geschichte im schulischen Lehrplan als Bildungsthema fest verankert und wird in diesem historischen Kontext in den Schulen auch intensiv bearbeitet. Dabei wird die Vermittlung des Holocaust häufig auch sehr vorbildlich ergänzt durch Exkursionen zu Gedenkstätten oder Begegnungen mit Zeitzeugen. Der Blick auf die Erscheinungsformen von Antisemitismus in unserer Gegenwart ist hingegen weniger ausgeprägt im schulischen Lehrplan, obwohl sie im schulischen Alltag durchaus erscheinen und die Lehrkräfte herausfordern können.

Gerade der Nahostkonflikt bietet immer wieder Nährboden für antisemitische Äußerungen und Haltungen bei jungen Menschen, aber auch in der Gesellschaft insgesamt. Sie sind vielfach verborgen in israelkritischen Aussagen, aus denen teilweise schwer zu erkennen ist, ob es sich um eine Kritik an der Regierungspolitik des Staates Israel in Siedlungsfragen oder gegenüber den Palästinensern handelt oder ob tatsächlich antisemitischen Tendenzen dabei zugrunde liegen.

Dass es sinnvoll und notwendig ist, den Nahostkonflikt in der Schule in dieser Weise in den Blick nehmen zu können, wissen die Mitarbeiter von KIgA e.V., der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, seit vielen Jahren aus ihrer Praxis an Berliner Schulen. Sie schulen Lehrkräfte, um dieses hochkomplexe und häufig hochemotionale Thema didaktisch kompetent mit den Schüler bearbeiten zu können, gerade auch mit Blick auf die unterschiedlichen Interessen und Betroffenheit, die im Klassenzimmer dabei wirksam sein können. Ein solches Angebot wurde jetzt erstmalig über das Bundesmodelprojekt „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ des Vereins Miteinander leben e.V., das vom Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend den Auftrag hat, Konzepte zur Bearbeitung aktueller Erscheinungsformen des Antisemitismus für Schulen zu entwickeln, in der Region angeboten und an der Gemeinschaftsschule Mölln mit Unterstützung des Schulamtes des Kreis Herzogtum Lauenburg umgesetzt.

In einer zweitägigen Fortbildung wurden Lehrkräfte der Gemeinschaftsschule Mölln, des Astrid-Lindgren Förderzentrums und des Möllner Berufsbildungszentrums für die Notwendigkeit sensibilisiert, den Nahostkonflikt als Nährboden für Antisemitismus wahrzunehmen und im Unterricht methodisch zu bearbeiten. „Antisemitismus“, so Mirko Niehoff, Fortbildungsleiter von KIgA e.V.,„äußert sich gegenwärtig häufig im Kontext des Nahostkonfliktes. Eine grundsätzliche Herausforderung besteht zunächst darin, dass die Wahrnehmungen und Positionierungen zum Konflikt nicht selten unangemessen verkürzend und einseitig sind. An sehr israelkritische Perspektiven ist dann auch Antisemitismus leicht anschlussfähig. Von einem israelbezogenen Antisemitismus können wir sprechen, wenn Israel delegitimiert oder dämonisiert wird – z.B. durch Vergleiche mit dem Nationalsozialismus – und vor allem auch dann, wenn Juden und Jüdinnen weltweit für den Konflikt in Verantwortung gezogen und abgelehnt oder sogar angegriffen werden. Die Motive sind dabei unterschiedlich: sie reichen von politischen und ideologischen Grundüberzeugungen, emotionalen Solidarisierungen, sozialen Erfahrungen sowie kollektiven und nationalen Befindlichkeiten im Kontext von Geschichte und Gegenwart. Auch darüber müssen wir im Kontext politischer Bildung sprechen und reflektieren.“

Die Fortbildung fokussierte stark auf Methoden, wie über den Nahostkonflikt kompetent im Unterricht gesprochen werden kann, und profitierte vom langjährigen Erfahrungsschatz von KIgA e.V..

„Es war eine Pilotveranstaltung für unsere Region, bei der sich allerdings auch zeigte, dass die Bedeutung des Themas „Aktuelle Formen des Antisemitismus“ für Schulen hier noch nicht so weit verbreitet ist, wie es wünschenswert wäre“, sagte Mark Sauer, Vorsitzender des Vereins Miteinander leben e.V. und zeigte sich von der Offenheit der teilnehmenden Lehrkräfte vor Ort sehr beeindruckt. Allerdings kam ein weiteres Fortbildungsangebot von KIgA e.V. in Lübeck aufgrund fehlender Anmeldezahlen nicht zustande. „Für mich ein Indiz, dass wir für die aktuellen Erscheinungsformen des Antisemitismus in den Schulen noch stärker sensibilisieren müssen, gerade auch mit dem Blick auf sich verändernde Zusammensetzungen in unseren Klassen. Für die Unterstützung durch einen erfahrenen Partner wie KIgA e.V. bin ich dabei sehr dankbar“, so Mark Sauer.

Der Bildungsträger KIgA e.V. - Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus - entwickelt innovative Konzepte für die pädagogische Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft. Seit 2003 erarbeitet er modellhafte und lebensweltlich orientierte pädagogische Ansätze und Materialien für die politische Bildung und setzt sie in die Praxis um. Bundesweit unterstützt KIgA e.V. mit seinen Kompetenzen und langjährigen Erfahrungen Interessierte aus Bildung und Zivilgesellschaft, qualifiziert Multiplikatoren/-innen, gestaltet wissenschaftliche Diskurse aktiv mit und bietet Expertisen und Beratung für den Bildungsbereich, für Politik und Gesellschaft.