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Eine abgedrehte Sache

Rotarier sammeln Flaschendeckel für Polio-Impfungen
Die Mitglieder der örtlichen Rotary-Clubs starteten am vergangenen Sonnabend ihre Deckelsammlung für Polio-Impfungen. Fotos: Anders

Ratzeburg (aa). Den Startschuss für eine groß angelegte Sammelaktion gaben die Rotarier im Kreis Herzogtum Lauenburg am vergangenen Sonnabend (26. Juli) bei Marktkauf Süllau in Ratzeburg. Im Kampf gegen Kinderlähmung oder Poliomyelitis (kurz Polio) sammelten sie erstmals Plastikdeckel, die später in bare Münze umgewandelt werden.

„Die Frage ist immer, wie kommt man an Geld ran“, erklärt Dennis Kissel die Hintergründe über die neuartige Sammelaktion im Kampf gegen Polio. Diese ist groß angelegt, so dass deutschlandweit Rotarier jetzt anfangen Deckel zu sammeln. Im Verbund mit der Weltgesundheitsorganisation und Unicef engagieren sich weltweit mehr als 1,2 Millionen Rotarier im Kampf gegen Polio. Jeder Euro, den die Rotarier im Projekt „Deckel gegen Polio“ einnehmen, wird zudem durch die Bill & Melinda Gates Stiftung verdreifacht. So kann letztlich mit einer Gewichtstonne Deckel der Impfstoff für mehr als 3.000 Impfungen bezahlt werden.

„Das Tolle ist, dass es niemandem wehtut, die Deckel zu spenden“, freut sich Heike Kissel. So werden die Bürger lediglich gebeten, die Plastikdeckel von Einweg- und Mehrwegflaschen, Milchtüten und Tetrapacks abzuschrauben, bevor diese weggeschmissen beziehungsweise im Getränkemarkt abgegeben werden, und dann in einen bereitgestellten Sammelbehälter zu werfen. Diese werden von den Rotariern regelmäßig geleert und sobald ein Container voll ist, in klingende Münze umzuwandeln.

Die Auftaktaktion lief aus Sicht der Rotarier gut an. „Die Reaktionen der Bürger sind bislang sehr positiv“, so Heike Kissel, die an einem Infostand nicht nur erklärte, wie das Deckelsammeln funktioniert, sondern auch über Polio aufklärte: „Vielen ist gar nicht bewusst, dass Kinderlähmung wieder ein Thema ist. Inzwischen gibt es auch in Deutschland wieder Fälle, so dass das Robert-Koch-Institut wieder eine aktive Impfempfehlung ausspricht.“ Was viele Menschen nicht wüssten, sei, dass man auch Überträger der Krankheit sein kann, wenn man bereits geimpft ist. „In Deutschland hat eine gewisse Impfmüdigkeit eingesetzt, da viele Krankheiten hier nicht mehr auftreten“, so Heike Kissel weiter. Dazu komme die aktuelle Flüchtlingswelle. In Krisengebieten könne nicht mehr flächendeckend geimpft werden. Die Flüchtlinge kämen dann ohne Impfschutz in Europa an. Daher würde der Erlös aus der Deckelsammlung für Impfungen vorwiegend im Ausland eingesetzt.

Die Ratzeburger gaben jedenfalls am vergangenen Sonnabend bereits gerne und fleißig ihre Deckel ab. Auch Familie Süllau machte gerne mit. So wird Marktkauf Süllau nicht nur permanente Sammelstelle sein, zudem stellte das Marktkaufteam den Rotariern eine Leergut-Palette nach der anderen nach draußen, so dass die Rotarier selbst fleißig Deckel abschrauben konnten.

500 Deckel sollen übrigens eine Impfung ergeben. Eine Liste mit allen Sammelstationen im Kreis Herzogtum Lauenburg finden Sie hier. Weitere Infos unter www.rotary1940.de/herzogtum_lauenburg_moelln/  Für diese spezielle Sammelaktion, die unter dem Motto "500 Deckel für 1 Leben" läuft, gründeten die Rotarier einen eigenen Verein mit dem Namen "Verein Deckel drauf e.V.". Weitere Infos dazu sind unter www.deckel-gegen-polio.de zu finden.

Hintergrund

Polio ist eine Viruserkrankung, die zu Lähmungen, bis hin zur vollständigen Lähmung des Körpers und sogar zum Tod führen kann. Weil vor allem Kinder betroffen sind, entstand der Name „Kinderlähmung“. In Deutschland ist die Kinderlähmung dank flächendeckender Impfversorgung („Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“) seit langem überwunden. Wer unter 50 Jahre alt ist, kann sich kaum noch an die Krankheit erinnern. Noch heute leiden aber viele Menschen an den Spätfolgen ihrer Polio-Erkrankung, die niemals vollständig verschwinden.

In anderen Teilen der Welt, vor allem in Afrika und Asien, war die Kinderlähmung bis vor wenigen Jahren weit verbreitet. Nachdem Rotary International vor 30 Jahren dazu aufgerufen hatte, alle Kinder der Welt gegen die Kinderlähmung zu impfen, konnten im Verbund mit der Weltgesundheitsorganisation und UNICEF fast alle Länder von den Viren befreit werden. Heute sind nur noch die Kinder in drei Ländern – Afghanistan, Pakistan sowie Nigeria – akut betroffen. Da Polio aber hoch ansteckend ist, finden die Viren immer noch schnelle Verbreitung, vor allem dort, wo die medizinische Versorgung nicht gewährleistet ist und die Impfraten unter 95 Prozent liegen.

Syrien war lange Zeit Polio-frei, durch die Verwüstungen des Bürgerkriegs ist die Krankheit inzwischen dorthin zurückgekehrt. Auch der Konflikt im Gaza-Streifen und die Bürgerkriege in der Ukraine und im Irak können zu einem Wiederaufflammen der Krankheit führen. Auch in Polio-freien Ländern wie Deutschland ist nur sicher, wer einen umfassenden Impfschutz hat.

Deshalb wollen die Rotarier mit ihren weltweit 34.000 Clubs jetzt die letzte Etappe in der Kampagne erfolgreich abschließen. Dazu sind weiterhin flächendeckende Impfungen notwendig. Das Geld dafür kommt aus unzähligen Benefizveranstaltungen und kreativen Aktionen wie der Deckelaktion in Deutschland. Rotarys Partner im Hintergrund ist die Bill & Melinda Gates Foundation (USA), die sich auf vielfältige Weise in der Gesundheitsvorsorge engagiert und Rotary seit Jahren im Kampf gegen Polio unterstützt. Die Stiftung des Software-Unternehmers legt auf jeden Euro der Rotarier noch zwei drauf, damit die Kinderlähmung möglichst bald Geschichte ist. 

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