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Geschichtsträchtige 'Schöne Aussicht' in Bäk

Ratzeburger Heimatbund errichtet Informationstafel
Der Heimatbund-Vorsitzende Ludwig Kindermann (li.), der Bäker Bürgermeister Martin Fischer und Hartwig Fischer (re.) bei der Enthüllung der Informationstafel. Fotos: hfr

Ratzeburg/Bäk (pm). Der Ratzeburger „Heimatbund und Geschichtsverein“ hat Ende November 2015 am Waldrand des Parkplatzes zur „Schönen Aussicht“ in Bäk direkt hinter der Stadtgrenze Ratzeburgs eine große Informationstafel aufgestellt, um Wanderer, Touristen und auch Einheimische – die in der Regel meist nur den wunderschönen Blick auf den im Hochmittelalter errichteten Ratzeburger Dom Heinrichs des Löwen und den idyllischen Domsee genießen – über diesen ungewöhnlich geschichtsträchtigen Ort zu unterrichten. In der unmittelbaren Nähe zu diesem Parkplatz verlief im Jahr 1945 nach dem Ende des zweiten Weltkrieges die ehemalige Grenze zwischen der englischen und sowjetischen Besatzungszone.

Der Wald war auf einer Breite von 100 Metern im Bereich der Gemeinde Bäk von den russischen Soldaten gerodet worden, um ein freies Sicht- und Schussfeld zu schaffen, damit Grenzgänger am Wechsel der Besatzungszonen gehindert werden können. Diese Baumfällung ist heute noch deutlich an der unterschiedlichen Baumhöhe des Waldes zu erkennen. Vielen Besuchern ist oft gar nicht bewusst, welche dramatischen Ereignisse sich vor 70 Jahren genau an diesem Ort abgespielt haben. Daher war es Ziel vom „Ratzeburger Heimatbund und Geschichtsverein“, durch die Aufstellung einer Informationstafel den Besuchern der „Schönen Aussicht“ einen Einblick in die Regionalgeschichte des Kreises Herzogtum Lauenburg zu ermöglichen und damit ein authentisches Geschichtsbewusstsein zu vermitteln.

Die Informationstafel „Geschichtsträchtige Schöne Aussicht“ ist von dem Archivar Christian Lopau und dem Historiker Hartwig Fischer entworfen worden. Die „Ratzeburger Bankdirektoren“ unter Leitung von Ludwig Kindermann haben für die fachgerechte Aufstellung des Schildes gesorgt. Trotz des kühlen und regnerischen Wetters waren am 28. November 2015 zahlreiche historisch Interessierte erschienen, um die „Enthüllung“ der Informationstafel mitzuerleben. Hartwig Fischer gab einen kurzen Überblick über die historischen Ereignisse des Jahres 1945 und der Bäker Bürgermeister Martin Fischer schilderte unter Bezug auf die Bäker Chronik, wie nachhaltig diese dramatischen Ereignisse die Geschichte der Gemeinde Bäk geprägt haben.

Der Termin zur Aufstellung der Informationstafel war bewusst auf den 28. November 2015 gelegt worden, weil am 28. November 1945 – das heißt vor genau 70 Jahren – durch das sogenannte „Barber-Lyaschenko-Abkommen“ von der damaligen englischen und sowjetischen Besatzungsmacht ein denkwürdiger Gebietsaustausch zwischen mecklenburgischen und lauenburgischen Grenzgemeinden vorgenommen wurde. Dieser Tausch hatte für die Bevölkerung und die Landesstruktur von Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein einschneidende Folgen, die bis in die Gegenwart von erheblicher Bedeutung sind.

Der Historiker Hartwig Fischer gibt einen Überblick über die dramatischen Ereignisse des Jahres 1945.

Da die alte Reichstraße 208 (heute: Bundesstraße 208) von Ratzeburg nach Mustin auf vier Kilometern Länge durch die sowjetische Besatzungszone führte und von den Russen gesperrt war, hatten die Engländer erhebliche logistische Schwierigkeiten, die in ihrer Besatzungszone liegenden Dörfer Dechow und Thurow sowie die Gemeinden östlich des Schaalsees zu erreichen. Deshalb wurde – offenbar auf britische Initiative – am 13. November 1945 in der Gaststätte „Zum Roten Löwen“ in Gadebusch zwischen dem englischen Generalmajor Barber und dem sowjetischen Generalmajor Lyaschenko ein Gebietsaustausch („Operation Exchange“) vereinbart, durch den das seit Jahrhunderten zu Mecklenburg gehörende Gebiet um Bäk, Mechow, Römnitz und Ziethen in der Größe von 25 qkm zum Herzogtum Lauenburg in die britische Besatzungszone kam und das - ebenso seit Jahrhunderten – zum Herzogtum Lauenburg gehörende Gebiet um Dechow, Thurow, Lassahn und Techin am Schaalsee im Umfang von 48 qkm zu Mecklenburg und damit in die russische Besatzungszone geschlagen wurde.

Die Nachricht vom bevorstehenden Gebietsaustausch wurde von der Bevölkerung in den lauenburgischen Austauschgebieten mit Entsetzen aufgenommen, weil die Angst vor den russischen Soldaten grenzenlos war. Von den 2.334 Bewohnern dieser Region entschieden sich 92%, ihre Heimat zu verlassen. In einer dramatischen Evakuierungsaktion wurden innerhalb von nicht einmal zwei Wochen Menschen, Vieh, Maschinen und ganze Ernten umgesiedelt. Die Bevölkerung im Austauschgebiet um Bäk und Ziethen wurde von der sowjetischen Besatzungsmacht über den bevorstehenden Gebietsaustausch nicht informiert, so dass fast alle Bewohner in diesem Bereich blieben. Selbst bei Kenntnis des geplanten Gebietsaustausches wären die allermeisten Bewohner nicht bereit gewesen, ihre Heimat zu verlassen und weiter in einer russischen Besatzungszone zu leben.

Die im September 1945 von der Sowjetunion durchgeführte entschädigungslose Enteignung in ihrer Besatzungszone im Rahmen der eingeleiteten Bodenreform führte in der Folgezeit zu zahlreichen langwierigen rechtlichen Auseinandersetzungen. Dieser ungewöhnliche Gebietsaustausch zwischen der englischen und sowjetischen Besatzungsmacht wurde nach dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 auch im „Einigungsvertrag“ vom 31. August 1990 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik nicht rückgängig gemacht und hat somit auch durch die „Deutsche Einheit“ vom 3. Oktober 1990 weiterhin Bestand. Der Landtag von Schleswig-Holstein hat in der geänderten Verfassung vom 2. Dezember 2014 den einzig noch bestehenden Hinweis auf diesen Gebietsaustausch in Artikel 58 der Landesverfassung ohne Rücksprache mit den betroffenen Kommunen ersatzlos gestrichen und nicht den Weg eines Staatsvertrages zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern gewählt.