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Heimatbund-Aktion 'Gegen das Vergessen'

(v.li.) Ludwig Kindermann (Vorsitzender Heimatbund), Karl-Horst Salzsäuler (Bürgermeister von Ziethen), Karl-Heinz Knies (Zeitzeuge) und Hartwig Fischer (Historiker) an der Infotafel in Wietingsbek. Foto: hfr

Herzogtum Lauenburg (pm). Ende 2015 hatte der Ratzeburger „Heimatbund und Geschichtsverein“ an der „Schönen Aussicht“ in Bäk eine Informationstafel aufgestellt, um an das „Barber-Lyaschenko-Abkommen“ des Jahres 1945 kurz nach Ende des zweiten Weltkriegs mit dem ungewöhnlichen Gebietsaustausch zwischen lauenburgischen und mecklenburgischen Gemeinden durch die damalige britische und sowjetische Besatzungsmacht zu erinnern. In Anwesenheit von zahlreichen Gästen enthüllte der Heimatbund in einer weiteren Aktion am 30. Juni 2016 im lauenburgischen Wietingsbek unmittelbar an der ehemaligen innerdeutschen Grenze am Wanderweg um den Mechower See eine weitere Informationstafel.

Der Historiker Hartwig Fischer, der die Moderation der Veranstaltung übernommen hatte, verwies darauf, dass seit der Grenzöffnung im Jahr 1989 im ehemaligen „Todesstreifen“ zwischen Ost und West das einzigartige Naturschutzgebiet „Grünes Band“ verwirklicht worden sei, das sich europaweit vom Eismeer in Norwegen bis zum Schwarzen Meer zu einem kostbaren Refugium für die Tier- und Pflanzenwelt entwickelt habe. Durch den raschen und fast vollständigen Abbau der todbringenden Grenzsperranlagen nach dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 sei es allerdings versäumt worden, einzelne Teile der Sperranlagen als historische Relikte einer inhumanen Politik für die Nachwelt zu erhalten.

Fischer erläuterte, dass es Ziel des Heimatbunds sei, durch die Aufstellung von Informationstafeln einen tiefen Einblick in die Heimat- und Regionalgeschichte zu ermöglichen und damit ein authentisches Geschichtsbewusstsein zu vermitteln. Er erinnerte an ein dramatisches Ereignis unmittelbar vor dem Ende des zweiten Weltkrieges, als am 1. Mai 1945 zwei englische Tiefflieger mit ihren Bordkanonen die langen Flüchtlingstrecks am Mechower See nahe Wietingbek angriffen. Hierbei kamen dreizehn junge Frauen ums Leben, die auf dem Ziethener Friedhof in einem Ehrenmal begraben wurden.

Der pensionierte Ratzeburger Bundesgrenzschutzbeamte Karl-Heinz Knies berichtete als Zeitzeuge in anschaulichen Worten über einen dramatischen Grenzzwischenfall aus dem Jahr 1951, bei dem die Entführung eines Wietingsbeker Bauern durch russische Soldaten nur mit einer Gewehrsalve in die Luft durch den eilig aus Lübeck herbeigerufenen Bundesgrenzschutz verhindert werden konnte.

Der ehemalige Ratzeburger Bundesgrenzschutzbeamte Wolfgang May schilderte den heftigen Konflikt aus dem Jahr 1952 zwischen englischen und russischen Soldaten über den konkreten Grenzverlauf am Wietingsbeker Grenzgraben, denn der genaue Grenzverlauf war in dem „Barber-Lyaschenko-Abkommen“ nicht eindeutig festgelegt worden. In diesem Vertrag hatten die Engländer und Russen im November 1945 einen folgenreichen Gebietsaustausch zwischen lauenburgischen und mecklenburgischen Gemeinden vorgenommen, bei dem die ehemals mecklenburgischen Gemeinden Bäk, Mechow, Römnitz und Ziethen mit Wietingsbek im Austausch mit lauenburgischen Gemeinden am Schaalsee zum Kreis Herzogtum Lauenburg gelangten.

Nach dem überraschenden Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 verzögerte sich die erhoffte schnelle Grenzöffnung in Wietingsbek. Der Ziethener Bürgermeister Karl-Horst Salzsäuler erinnerte als Zeitzeuge an die bewegende Grenzöffnung vom 31. Dezember 1989, als die bislang hermetisch abgesperrte Grenze in Wietingsbek durch die DDR zunächst nur vorübergehend über Silvester geöffnet wurde. Er fasste seine Gefühle mit dem Satz zusammen „Nie in meinem Leben werde ich die historischen Stunden vergessen, als die Bürger aus den mecklenburgischen und lauenburgischen Nachbargemeinden nach den langen Jahren der erzwungenen Trennung den Jahreswechsel 1989/90 in Wietingsbek mit unbeschreiblichem Jubel und tiefer innerer Bewegung gefeiert haben“.

Die Aufstellung der Informationstafel war vom Heimatbund bewusst auf den 30. Juni gelegt worden, weil vor genau 26 Jahren am 30. Juni 1990 in Wietingsbek die letzte Grenzstreife und die letzte symbolische Grenzkontrolle durch den damaligen Bundesgrenzschutz stattfanden. Mit dem Inkrafttreten des Vertrags zur „Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion“ zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR am 1. Juli 1990 war der Weg zur „Deutschen Einheit“ am 3. Oktober 1990 vorgezeichnet. Die nächste Informations-Stele wird vom Heimatbund am symbolträchtigen 12. November 2016, um 13 Uhr an der ehemaligen innerdeutschen Grenze nahe Mustin an der Bundesstraße 208 am dortigen Grenzstein enthüllt werden.