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Heraldik - eine Kunst aus vergangener Zeit

Wolfgang Bentin beherrscht die Kunst der Heraldik. Fotos: Sebastian Flint

Von Sebastian Flint

Oberflächlichkeiten sind nichts für Wolfgang Bentin. Jemand, der die Kunst der Heraldik beherrscht, ist hiervon sehr weit entfernt.

Mit Heraldik werden Wappenkunde, Wappenkunst und Wappenrecht beschrieben. Meine Generation ist mit dem Anglizismus Corporate identity vertraut. Ein Identifikationsmerkmal, eine Marke unter der sich Firmen, Produkte oder Dienstleistungen vereinen. Mit einem Logo beziehungsweise Bild verbinden wir in sekundenbruchteilen Marken, empfinden Vertrauen und können sofort Eigenschaften, positive als auch negative, zuordnen. Im 16. Jahrhundert konnten die Menschen durch die Wappen auf Schildern sofort eine Freund-Feind-Zuordnung vornehmen, ohne überhaupt das Lesen zu beherrschen. Im Mittelalter war dies zum Überleben ein nicht unwesentlicher Vorteil. Dieses historische Relikt der menschlichen Geschichte nutzt vor allem die Wirtschaft, um Markenbewusstsein zu formen und Nationen bedienen sich zum Beispiel Flaggen. Aber auch auf kommunaler Ebene besteht Nachfrage. Wenn Gemeinden ein Wappen kreiert haben möchten, dann kommt Wolfang Bentin ins Spiel. Wappen sind mehr als ein Logo, sie haben auch rechtliche Bedeutungen.

„Soll ich Wolfgang oder Herr Bentin sagen,“ war meine erste Frage. Die Antwort: „Ach, hör auf mit dem Quatsch, ich bin Wolfgang.“ Das Gespräch verlief dementsprechend sehr locker. Mit seinen 70 Jahren erreichte Wolfgang genau die doppelten Jahre meines Lebens und ich bemerkte, wie sehr Wolfgang mit der lokalen Historie vertraut ist. Hinter seinen ruhenden braunen Augen verbirgt sich viel Wissen und ein analytischer, wacher Geist mit einer spürbaren Wendigkeit. Für seine Arbeit ist er viel im Kreisgebiet Herzogtum Lauenburg herumgekommen und hat Land und Leute kennen gelernt.

Heraldik ist eine Kunst, mit der man geschichtlich in den Kern zum Beispiel einer Gemeinde vordringt, der den meisten von uns verborgen bleibt. Insgesamt hat Wolfgang 30 Wappen erstellt. Sein schwierigstes Werk war das Wappen vom Amt Lauenburgische - Seen. Der Entwurf des Wappens von Gudow steht in einem engen Verhältnis mit dem Adelsgeschlecht von Bülow. Ein Cousin der Familie, der Millionen mit seinem feinsinnigen Humor begeisterte, war unter dem Künstlernamen Loriot bekannt.

„Man verdient damit kein Geld,“ sagt Wolfgang, „aber ich mache es wegen der Ehre.“ Ein Satz der in unserer durch und durch ökonomisierten Welt ein Kleinod ist. „Wenn vor mir ein Auto fährt mit einem Gemeindewappenaufkleber und ich erkenne, dass dieser von mir ist, dann freue ich mich einfach darüber.“

Wolfgang Bentin hat zusammen mit seinem Partner Heinz Röhl ein Buch über die Grenzen und Grenzsteine der Hansestadt Lübeck herausgegeben. In einer Angelegenheit hat er der Ansicht einer alten Professorin widersprochen. Die Folge war, wie es im Leben so ist, dass sich die Förderung der Uni erledigt hat. Im Nachhinein hat sich Wolfgangs Auffassung als Nichtakademiker als richtig herausgestellt.

„Mein Wunsch wäre es, den Kilimandscharo zu besteigen, aber dafür rauche ich leider zu viel. Auch eine Reise mit dem Fahrrad von Kastorf nach Istanbul würde ich gerne machen, aber das wird wohl erst im nächsten Leben möglich sein“, erklärt Wolfgang.

Wolfgang ist zur Heraldik gekommen, nachdem er mit 53 Jahren die Firma, in der als Elektroniker gearbeitet hat, verlassen hat. In seinem Zuhause in Kastorf hat er etwa 1.000 Bücher stehen, auf die er bei der Entwicklung der Wappen zurückgreifen kann. „Meine Frau sagt zu mir, dass ich mir eine Fantasiewelt aufgebaut habe,“ sagt Wolfgang lachend, „aber dann ist das so.“

Seine Heimat ist Kastorf, wo er mit seiner Ehefrau lebt. In seiner Freizeit gehören gemeinsame Fahrradtouren zum festen Programmplan und dieses Jahr auch erstmals Wandern. „Der Unterschied zwischen einer Fahne und einer Flagge ist, dass auf eine Fahne meine Mutter mit einem Nudelholz drauf kann“, so Wolfgang, „eine Flagge ist genehmigungspflichtig und hat rechtliche Normen zu erfüllen und setzt ein Wappen voraus.“

In seinem Zuhause in Kastorf hat Wolfgang Bentin etwa 1.000 Bücher stehen, auf die er bei der Entwicklung der Wappen zurückgreifen kann.

Meine eher humorvoll gemeinte Frage, ob Gemeindewappen aktuell zum Beispiel mit Windkrafträdern angepasst werden können, bejahte Wolfgang und führte das Beispiel von Upahl an. Die Gemeinde ist bekannt für eine große Meierei, und das Wappen ist mit einer fröhlichen Milchkuh blasoniert.

Übrigens: Blasonierung ist in der Heraldik die fachsprachliche Beschreibung des Wappens. Es leitet sich vom französischen Wort Blason (Wappenschild) ab. Wen wundert´s, die Meierei hat diese Wappenentwicklung großzügig gefördert.

Bei meinem Besuch erklärte mir Wolfgang die Bedeutung des Wappens meiner Heimatgemeinde Klinkrade. Das Kleeblatt steht für Kleverberg, eine Straße der Gemeinde, weil dort erstmalig historisch nachweislich Klee für die Viehzucht angebaut wurde. Der Holzstumpf steht für das „…rade“, das vom slawischen Begriff für 'Rodung' kommt. Und das Wagenrad kennzeichnet die damalige wichtige Bedeutung auf der Handelsachse Lübeck - Hamburg.

Neben seinem Rentnerleben ist Wolfgang Archivmitarbeiter der Ämter Sandesneben-Nusse und Berkenthin. Neben den allgemeinen Archivarbeiten gehört zu seinen Aufgaben die Unterstützung der Erstellung von Dorfchroniken. Wolfgang: „Der Begriff Dorfchronik beansprucht wissenschaftliche Anforderung an das Werk. Ich empfehle immer, diese Bücher Geschichten und Geschichte des Dorfes zu benennen. Die damit ermöglichte freie Schreibweise ist für den Normalmenschen zugänglicher als eine wissenschaftliche Arbeit.“

„Solange ich noch das Gefühl habe, dass ich erwünscht bin, und meine Arbeit gebraucht wird, werde ich bleiben. Meine aktuellen Projekte sind die Wappen für Gudow, Schönberg und Groß Disnack.“

Ich denke, Wolfgang hinterlässt nachfolgenden Generationen einen wertvollen Wissensschatz für unsere Region. Außerdem ist er Leiter des Heimatmuseums in Steinhorst, zu dem ich ihn begleiten durfte.

Dieser Beitrag stammt aus "Unser Herzogtum", Ausgabe 5, erschienen im Dezember 2016. Das komplette Heft gibt es auch kostenfrei unter www.unserherzogtum.de zu lesen.