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Leben und Überleben in zwei totalitären Systemen

(v.li.) Christoph Ernst, Leo Frankfurt und Heiner Studt. Fotos: Juliane Schlums

Mölln (pm). 65 Schüler des Berufsbildungszentrums Mölln folgten am 5. Oktober 2016 dem beeindruckenden Lebensbericht des 94-jährigen Dr. Leo Frankfurt. 90 Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit für einen Menschen, der, befragt durch den Schriftsteller Christoph Ernst, Klein Zecher, und den Künstler Heiner Studt, Hamburg, sein Leben vor den Schülern ausbreitete und sie mit seinen Erinnerungen in den Bann zog.

Heute lebt der Doktor der Zahnmedizin Leo Frankfurt in Bad Nauheim. Die Veranstaltung fand in Kooperation mit den Landesbeauftragten für politische Bildung in Schleswig-Holstein statt. Als Sohn einer assimilierten jüdischen Arztfamilie im Dezember 1921 in Leningrad geboren, wächst Leo Frankfurt wie viele Kinder mit bürgerlichem Hintergrund in russischer und deutscher Umgebung auf, so dass er als Jugendlicher die deutsche Sprache in Wort und Schrift lernt. Nach seinem Schulabschluss wird er Ende 1939 zur Roten Armee eingezogen und absolviert als stellvertretender Politischer Leiter (Politkommissar) seinen Militärdienst.

Schon der erste Tag des Unternehmens Barbarossa - des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion im Sommer 1941 - verändert schlagartig das Leben des jungen Leningrader Wehrpflichtigen Leo Frankfurt, der direkt an der Grenze zum Deutschen Reich auf dem Territorium des von der Sowjetunion okkupierten Polen stationiert war. Wie Millionen andere Soldaten der von Stalin durch willkürlichen Terror geschwächten Roten Armee gerät auch der 20-Jährige beinahe kampflos in deutsche Kriegsgefangenschaft und sieht sich als Jude und Kommissar unmittelbar mit dem Tod bedroht.

Dass er das folgende vierjährige Martyrium als Jude und als stellvertretender Politkommissar überleben konnte, grenzt an ein Wunder und verdankt sich sowohl seinen im Elternhaus erworbenen Deutschkenntnissen als auch seiner außerordentlichen Raffinesse sowie einer Reihe von glücklichen Zufällen. Kaum aus dem Lager entflohen, wird er erneut aufgegriffen, interniert und schließlich als vermeintlicher aufwieglerischer Rädelsführer inhaftiert.

Es folgen dutzende Verhöre und wiederholtes Zusammenschlagen des Inhaftierten, selbst vor Scheinerschießungen schreckt man nicht zurück. Frankfurt kann auch dieser Gefahr entkommen und gerät schließlich nach Evakuierung der Gefängnisinsassen an den Sonderführer der Geheimen Feldpolizei (GFP) der Wehrmacht Klemm, einem gebürtigen St. Petersburger, in der Stadt Borissov, der ihm völlig überraschend vorschlägt, als Dolmetscher für die GFP zu arbeiten. Frankfurt nimmt das Angebot an, ohne sich zu diesem Zeitpunkt der Konsequenzen bewusst zu sein. In den Augen seiner Landsleute ist er ein Verräter.

„Ich bemühte mich durch mein Verhalten das Gegenteil zu beweisen und glaube behaupten zu können, dass ich das auch geschafft habe“, sagt Frankfurt rückblickend. Die geplante Flucht wird
verraten und Frankfurt zum Tode verurteilt. Das Todesurteil wird schließlich zu fünfzehn Jahren Zwangsarbeit umgewandelt - der Inhaftierte muss aufgrund einer Tuberkuloseerkrankung in ein Lazarett verlegt werden und landet nach einer Odyssee durch weitere Lager in Hohn in der Nähe von Rendsburg. Dort erlebt Leo Frankfurt die Befreiung durch britische Truppen am 8. Mai 1945. Er kehrt nach Leningrad zurück und schließt seine Ausbildung als Zahnarzt 1949 ab. Als ehemaliger Kriegsgefangener wird er in der sowjetischen Gesellschaft benachteiligt und diskriminiert - das ändert sich erst unter Chruschtschow.

Wenn Frankfurt sagt, dass er die Ereignisse der Kriegs- und Nachkriegszeit in Deutschland und der Sowjetunion den Menschen näher bringen will und sie mit Schicksalen, wie dem seinen, konfrontieren möchte, so darf man behaupten, dass ihm dies gelungen ist - 90 Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit sprechen für sich.