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Leserbrief: Gabriele Hiller-Ohm im Windpark Kastorf/Siebenbäumen

Hinweis: Leserbriefe sind keine redaktionellen Meinungsäußerungen. Die Redaktion behält sich vor, Briefe zu kürzen.

„Wir haben die Aufgabe, den nächsten Generationen eine intakte Umwelt zu hinterlassen. Ein wichtiger Bestandteil dafür ist die Energiewende durch die Förderung erneuerbarer Energieerzeugung. Mir ist ein ausgewogener Ausbau der erneuerbaren Energien wichtig. Dabei muss Rücksicht auf Natur-, Umwelt- und vor allem auch auf die Menschen genommen werden. Der Windpark in Kastorf-Siebenbäumen zeigt den Erfolg der Energiewende durch die Versorgung von etwa 17.000 Haushalten mit Öko-Strom. Bei der Planung wurde aber auch deutlich, wie wichtig die Einbindung der anliegenden Ortschaften ist. Ich möchte die Energiewende sichtbar machen und lade alle Interessierten herzlich ein, mich in den Windpark Kastorf-Siebenbäumen zu begleiten.“ 

Dieses Zitat aus der offiziellen Einladung Gabriele Hiller-Ohms, MdB, für unseren Wahlkreis und erneute Kandidatin der SPD für die kommende Bundestagswahl, lockte rund dreißig Interessierte Bürgerinnen und Bürger nach Siebenbäumen. Die Vorsitzende des Landesverbandes Gegenwind, Frau Dr. Susanne Kirchhof, war eigens aus Holtsee, Kreis Rendsburg-Eckernförde, angereist.

Bei der Begrüßung der Anwesenden stellte sie Herrn Christoph Otte vor. Er ist Mitarbeiter eines Betriebes, der Windparks projektiert, SPD-Mitglied und seit dem 19.06.2013 ordentliches bürgerliches Mitglied im Ausschuss für Umwelt, Sicherheit und Ordnung der Lübecker Bürgerschaft. Er sollte die fachlichen Aspekte darlegen, Frau Hiller-Ohm die politischen. 

Christoph Otte referierte zunächst über technische Einzelheiten der Windkraftanlagen (WKA). Die Anlage am Treffpunkt ist 175 Meter hoch mit einem Rotorkreis von 112 Metern. Er pries technische Errungenschaften, wie zum Beispiel die in sich drehbaren Rotorblätter, an. Zur Frage des Stroms, der wegen Netzüberlastung nicht eingespeist werden kann, verwies er auf den erfolgten ersten Spatenstich des Projekts „Nordlink“. Dort sollen mit dem überschüssigen Windstrom Pumpspeicherwerke gefüllt werden, die im Bedarfsfall wieder Strom produzieren und an uns zurückliefern. Auf die Nachfrage Susanne Kirchhofs nach konkreten Zahlen dazu und ob sich andere Skandinavische Staaten aus dem Reservoir bedienen können, erwies er sich als sehr dünnhäutig und fühlte sich persönlich angegriffen. Frau Hiller-Ohm beschwichtigte und der Vortrag ging weiter.

Eine Aussage war sehr interessant: Er betrachtet noch höhere Anlagen wegen des stets guten Windes in Schleswig-Holsteins als wirtschaftlich unsinnig und bezieht damit Position gegen anderslautende Forderungen des BWE (siehe „Aktuelles“). Seine Aussage, dass ein Jahr 8.760 Stunden habe, die Anlagen aber nur rund 2600 Stunden laufen, sei hier unkommentiert erwähnt. Er sprach ebenfalls über den Versuch der Wissenschaft, die Energiewende durch eine intelligente Verknüpfung der verschiedenen Arten der Energieerzeugung zu retten. Das Ganze läuft unter dem Oberbegriff „Sektorenkopplung“.

Viele Windkraftkritiker waren anwesend und so kam es im Verlauf der Veranstaltung zu entsprechenden Diskussionen, bei denen immer wieder mit den bekannten Argumenten hantiert wurde (Häufung der Leukämiefälle im Umkreis des AKW-Krümmel, Windkraftkritiker gleich Atomkraftbewürworter etc. pp.). Auch das 300 Prozent-Ziel wurde mantrahaft wiederholt, obwohl Schleswig-Holstein in der Vergangenheit maximal 190 Prozent Strom auf konventionelle Art produziert hat (siehe Daten statistisches Landesamt). 

Frau Hiller-Ohm war als Initiatorin nicht in der Lage, die Veranstaltung vernünftig zu moderieren. Ständige, teilweise auch unsachliche, Einwürfe aus der Zuhörerschaft zogen die Sache unnötig in die Länge. Es wurde zum Beispiel minutenlang darüber geredet, ob die WKA per WLAN oder Kabel von Husum aus gesteuert werden und ob man mit dem Laptop unter einer WKA WLAN-Empfang hat. Auch bei qualifizierteren Einwürfen schritt sie nicht ein, so dass kein Leitfaden mehr da war und alles zerrissen wurde. So kam am Ende eine Stunde mehr als veranschlagt heraus und somit wurde aus dem angekündigten Gedankenaustausch am Ende nichts mehr. Es entstand der Eindruck, dass Frau Hiller-Ohm es sehr eilig hatte, wegzukommen. 

Fazit: Frau Hiller-Ohm hat sich vor Antworten zu politischen Fragen gedrückt. Sie hat sich, als sie einen gewissen "Gegenwind" spürte, hinter Herrn Otte versteckt und ihn mehr oder weniger allein gelassen. Er musste bei politischen Stellungnahmen zwangsläufig scheitern, mangels ihrer Unterstützung. Als Mitarbeiter eines Unternehmens aus der Windkraftbranche hatte er natürlich seine pro WKA-Position zu verteidigen.

Die Tatsache der Lärmbelästigung der Anwohner in Siebenbäumen und Grinau hat sie geflissentlich überhört (Grinau hat sich übrigens per Gemeinderatsbeschluss gegen den Bau von WKA entschieden, hat jetzt aber die Kastorfer Anlagen direkt vor der Nase). Auch auf die Einladung einer Familie  aus Grinau zum Kaffeetrinken auf ihrer Terrasse, um dabei dem Lärm der Windräder zu lauschen, ist sie nicht eingegangen.

Frau Hiller-Ohm hat als MdB nicht den Hauch einer Ahnung, was in Sachen Windkraft in ihrem Wahlkreis vorgeht. Sonst wäre sie nicht so völlig unvorbereitet zu diesem Wahlkampfauftritt erschienen. Die Tatsache, dass die alte, SPD-geführte Landesregierung unter anderem auch durch fehlende Stimmen aus dem Lager der Windkraftkritiker abgewählt wurde, ist wohl noch nicht bis zu ihr durchgedrungen.

Das immer wieder vorgetragene 300%-Ziel und die Aussage Windkraftkritiker gleich Atomkraftbefürworter ist inzwischen abgedroschen, aber scheinbar nicht für Frau Hiller-Ohm oder Herrn Otte. Es ist ein Beispiel dafür, dass viele SPD-Politiker stur ein „weiter so“ propagieren, ohne nach rechts und links zu schauen und zu registrieren, dass die Energiewende eigentlich schon gescheitert ist. Ist es Ignoranz oder Naivität?

Frau Hiller-Ohm ist ein weiteres Beispiel für SPD-Politikerinnen und Politiker, die nicht daran denken, sich über Sorgen, Ängste und Nöte der Menschen in ihren Wahlkreisen zu informieren. Ihre Absicht, anhand des Windparks Kastorf/Siebenbäumen eine gelungene Energiewende zu demonstrieren ist jedenfalls gründlich danebengegangen.

Übrigens: Die WKA waren während der gesamten Veranstaltung abgestellt, im "Trudelbetrieb", wie Herr Otte es ausdrückte. Jeder, der bei der Windstärke des späten Freitagnachmittags (04.08.2017) schon mal unter einem Windrad gestanden hat weiß, dass weder Frau Hiller-Ohm, Herr Otte noch die Teilnehmer ihr eigenes Wort verstanden hätten.

Wolfgang Tempel, Klinkrade