Share |

Leserbrief: Nachruf auf Elmar Jansen

Seit 2007 kam Dr. Elmar Jansen (hi.re.) jedes Jahr nach Ratzeburg, um für den Barlach-Förderverein einen Vortrag zu halten. Foto: hfr

„Ein Luftwechsel der Empfänglichkeit“ – natürlich ein Zitat Barlachs - lautet das letzte Werk des großen deutschen Kunsthistorikers, Autors, Herausgebers, Essayisten und Barlachkenners Professor Dr. Elmar Jansen. Am Donnerstag, dem 7. Dezember, ist er um 23.26 Uhr in seinem Berliner Wohnhaus im Beisein seiner geliebten Ehefrau im Alter von 86 Jahren verstorben.

„Es hat mich immer bewegt, die bis dato unbekannte Äußerung Barlachs genauer zu durchdenken, daß ein Hauptanliegen seiner Arbeit darin bestehe, aus der Stickluft der damaligen Gegenwart auszubrechen und nach einem anderen Ton zu suchen. Als ich in den Wendejahren nach einer Selbstvergewisserung suchte, war das auch mir ein Anliegen! Auch heute hochaktuell, finde ich: Die Sorge, daß das weithin gerne Verschwiegene nicht vergessen werde; daß es um das Bewahren solcher speziellen Dinge gehen sollte, die da um die Wette verkommen, deren Elend niemands Kummer ist.“

Diese mir in einem – wie immer handschriftlich verfassten – Brief am 25. Mai 2016 mitgeteilten Gedanken des gebürtigen Paderborners zeigen den Tiefgang und das hohe Niveau eines lebenslang forschenden Weltendeuters. Elmar Jansen erhielt erst 1965 eine Assistentenstelle an der Ost-Berliner Akademie der Wissenschaften, danach 1971 an der Akademie der Künste; dort wurde er, der erst 1973 in Leipzig promoviert wurde, im Jahr des Mauerfalls zum Professor berufen. „Elmar Jansen ist einer der besten Kenner von Leben und Werk Ernst Barlachs, vom bildkünstlerischen und literarischen Werk dieses sperrig vergrübelten Einzelgängers“, würdigte Ernst Osterkamp noch am 13.1.2017 Jansen in der FAZ.

Seit 2007 kam Jansen jedes Jahr nach Ratzeburg, um für den Barlach-Förderverein einen Vortrag zu halten – immer handschriftlich ausgearbeitet und mit einer einzigartigen Mischung aus intellektuellem Sachverstand, persönlichem Erleben der porträtierten Künstler der DDR und persönlicher Demut. Sternstunden der Erwachsenenbildung im Rahmen unserer monatlichen „Montagsgespräche“ in der katholischen Answerkirche beziehungsweise in der evangelischen Stadtkirche Sankt Petri! Auch den Festvortrag zur großen „Barlach-Kollwitz-Ausstellung“ 2010 hielt Elmar Jansen, weil er selbst bereits 1981 in der DDR die erste große Ausstellung über Barlach kuratiert hatte (siehe mein Foto, auf dem Jansen ganz rechts steht in der Reihe des Ratzeburger Bürgermeisters Voß und des Ratzeburger Bürgervorstehers Feußner).

Immer wieder erkundigte er sich – bis in seine letzten Lebensstunden hinein - vom Krankenbett aus bei mir und anderswo, wie es mit der Forschung zu Barlach denn weitergehe, bat um Zeitungsartikel, fragte nach Neuigkeiten. „Irgendwann, nach Überwinden der Reizschwelle der 85, ist ein Ende geboten“, schrieb er mir zuletzt; und in der Tat darf Elmar Jansen nach einem unermüdlichen Forscherleben nun im Himmel den Barlachschen Luftwechsel der Empfänglichkeit auf ewig genießen.
 
Felix Evers, Neubrandenburg