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Mit den Alpakas auf Du und Du

Fotos: Jens Butz

Das Alpaka ist eine domestizierte Kamelform, die vorwiegend ihrer Wolle wegen gezüchtet wird. Alpakas sind in den südamerikanischen Anden zuhause … und in Giesensdorf auf dem Hof „Carpe Diem“ von Renate Paul (60) und Klemens Thiede (54).

„Ich habe mir damit einen Lebenstraum erfüllt“, sagt Renate Paul. Zusammen mit ihrem Partner Klemens Thiede kaufte sie vor neun Jahren den Resthof in der Dorfstraße 15. Doch es fehlten noch die Tiere. Nach ersten Pferden, Hunden und Katzen kamen dann 2010 schließlich die Alpakas dazu. „Ich wollte hier aber eigentlich auch irgendetwas machen, das mit meinem Beruf

zu tun hat“, erklärte Renate Paul, die hauptberuflich eigentlich als Sonderschullehrerin für Menschen mit kognitiven Einschränkungen in Hamburg arbeitet. Ähnlich wie auch Delfine werden Alpakas aufgrund ihres ruhigen und friedlichen Charakters in der tiergestützten Therapie eingesetzt. „Alpakas haben ein interessantes Wesen. Sie sind neugierig und kommen heran, sind dann aber doch wieder distanziert, weil es ja eigentlich Fluchttiere sind. Sowie man nach ihnen greift, sind sie auch schon wieder weg. Die Herausforderung bei der Alpakatherapie besteht darin, dass man mit dem Tier Kontakt aufnehmen muss, um letztendlich Vertrauen zu entwickeln“, beschreibt Renate Paul das Spiel von Nähe und Distanz, dass unter anderem Menschen helfen kann, die sich nach einem erlittenen Trauma in sich selbst zurückgezogen haben. Aber auch Alzheimerpatienten, Menschen mit Autismus sowie Personen, die unter Depressionen leiden, könne der Umgang mit dem Alpaka helfen. Paul: „Es gibt viele Möglichkeiten, wenn man sich in sich verschlossen hat.“ Der Umgang mit den Tieren könne dann als „Türöffner“ wirken.

Renate Paul darf als Sonderschullehrerin keine Thearapien anbieten. „Wir haben aber eine Ergotherapeutin, die mit ihren Patienten hierher kommt“, sagt Renate Paul. Hierbei handelt es sich um Claudio Below, die mit ihrer Praxis in Ratzeburg ansässig ist.

Foto: Antje Berodt

Claudia Below: „Es geht darum, dass die Menschen, egal in welcher Form sie Probleme haben, diesen Weg über das Tier gehen können. Das hängt nicht vom Krankheitsbild ab, sondern einfach von der Person.“ So gilt es unter anderem vorher zu klären, ob der Patient vor Tieren Angst hat. „Wenn man so allgemeine Dinge abgeklärt hat, ist eine solche Therapie eigentlich für jeden geeignet, egal welches Alter, egal welche Diagnose.“ Letztere können vom Schlaganfall, über psychische Probleme, bis hin zu ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) reichen. Es geht bei der Therapie darum, die Alpakas mit in diese einzubinden. Somit kann der Kontakt zu den Tieren nur ein Teil der Therapie sein. „Man kann mit den Tieren keine Situation stellen. Man lebt von den Situationen. Das ist das Tolle daran.“ „Jeder, der dahin kommt, profitiert davon. Allein auf die Anwesenheit, da braucht noch gar nichts Großartiges passieren, reagieren die Alpakas. Sie sind neugierig und kommen auf den Menschen zu. Mehr ist das nicht, aber auch nicht weniger“, beschreibt Claudia Below den Aufbau einer Vertauensbasis zwischen Mensch und Tier. Nach dem ersten Kennenlernen kann es dann zum Beispiel auf einen Spaziergang gehen. „Dem Alpaka gegenüber kann man sich nicht verschließen. Sich einem Tier zu verschließen, ist ganz schwer. Das Schöne daran ist, man muss keine Worte benutzen. Man kann seine Seele sprechen lassen und sich auf einer ganz anderen Ebene mit den Alpakas unterhalten. Und die verstehen einen und helfen einem auch. Es kann sein, wenn man tottraurig auf der Weide sitzt, dass ein oder zwei Tiere kommen und einen trösten. Das ist das Schöne daran und kann der erste Schritt aus einer Krise heraus sein. Man kann die Tiere zu nichts zwingen, man muss Geduld aufbringen, um etwas zu erreichen. Und genau wenn man das getan hat, ist das schon ein erster Therapieerfolg“, beschreibt Claudia Below weiter. Sie arbeitet auch mit Hunden und Pferden in dieser Richtung, doch hätten Alpakas ihrer Meinung nach nochmal etwas ganz besonderes.

 Renate Paul selbst kommt regelmäßig mit ihren Schülern für einen Tagesausflug von Hamburg nach Giesensdorf. „Rund 60 bis 70 Prozent der Schüler profitieren von dem Kontakt mit den Tieren“, ist sich Renate Paul sicher. Personen, die sich außerhalb einer Therapie Kontakt mit den Alpakas wünschen, können bei Renate Paul jedoch „pädagogische Spaziergänge“ buchen.

Neben ihren besonderen Wesenszügen sind Alpakas auch hervorragende Wolllieferanten. Jedes Frühjahr bekommen die dreizehn Tiere von einem Profischerer eine neue Frisur verpasst. Das geschorene Fell lässt sie zu Strickwolle oder Garn verarbeiten, die an die Qualität von Kaschmirwolle heranreicht. Das Ergebnis bietet sie dann in ihrem Hofladen zum Kauf an. „Weil die Sachen von den Alpakas den Laden nicht füllen, verkaufe ich Produkte von Fairtrade-Unternehmen aus Peru“, berichtet Renate Paul. So finden sich im Laden Alpaka-Wolle, Mützen aus Alpaka-Wolle, Alpaka-Seife aus dem Keratin der Haare und sogar Bettdecken. „Nichts ist besser als unter einer mit Alpakafell gefüllten Bettedecke zu schlafen. Das ist der absolute Wahnsinn“, beschreibt sie ihre Erfahrungen aus einem Selbstversuch. Alle Produkte seien so ökologisch wie möglich produziert.

„Ich hätte mir die Erfüllung meines Traums etwas näher an Hamburg erhofft“, so Paul. Die Ortswahl bereut sie trotzdem nicht: „Wir sind hier in Giesensdorf so bezaubernd aufgenommen worden. Ich genieße jeden Tag. Das ist nicht nur der Titel dieses Hofes.“

Weitere Infos unter www.carpe-diem-alpakas.de.

Dieser Beitrag stammt aus "Unser Herzogtum", Ausgabe 1, erschienen im August 2015. Das komplette Heft gibt es auch kostenfrei unter www.unserherzogtum.de zu lesen.