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Sandesneben-Nusse: Neue Mitbürger sind hier gut aufgehoben

Oliver Augustin mit „seiner“ syrischen Familie. Fotos: hfr

Sandesneben (pm). Es ist Freitagnachmittag, 16 Uhr. Nach und nach trudeln Frauen, Kinder und Männer in das Gemeindehaus in Sandesneben ein. Kaffee und Tee stehen bereit, dazu Kuchen und Kekse. In Kartons sind Dutzende Hygieneartikel zum Mitnehmen parat. Hanan Issa, syrischer Flüchtling, übersetzt vom Deutschen ins Arabische und andersherum. Der 22-Jährige lebt erst seit einem Jahr hier und hat sich in der Kürze der Zeit geradezu vorbildlich integriert: Er spricht mehrere Sprachen und absolviert zurzeit eine Einstiegsqualifizierung beim Amt Sandesneben-Nusse mit dem Wunsch, Verwaltungsangestellter zu werden.

Rund 60 Flüchtlinge besuchen an diesem späten Nachmittag das „Café International“. Ins Leben gerufen wurde das Café bereits im November 2014 – als Ergebnis der wachsenden Zahl an neuen Mitbürgern. Die Flüchtlingsinitiative im Raum Sandesneben-Nusse, die derzeit 74 Ehrenamtliche zählt, wird in ihrer Arbeit von den Kirchengemeinden Sandesneben und Nusse-Behlendorf, dem Amt Sandesneben-Nusse und dem Verein Hoffnungsgrund unterstützt. „Zurzeit leben rund 140 Flüchtlinge in den 26 Gemeinden des Amtsbereiches“, weiß Marion Kamp von der Flüchtlingsinitiative.

Ein Viertel der Flüchtlinge komme aus Syrien, der Arabischen Republik und Afghanistan. Zehn Prozent stammen aus Eritrea und Somalia, weitere zehn Prozent aus Serbien sowie sechs Prozent aus Albanien. Menschen aus Mazedonien, Bosnien und Herzegowina, der Russischen Föderation, Irak und weiteren Ländern sind ebenfalls unter den neuen Mitbürgern. Alle Asylsuchenden im Amtsbereich Sandesneben-Nusse konnten in Mietwohnungen untergebracht werden. Auf Wohncontainer und Turnhallen soll verzichtet werden – darin sind sich alle Beteiligten einig.

Um mobil sein zu können, wurde auch eine Fahrradwerkstatt initiiert: Gebrauchte Fahrräder werden hier von den in Deutschland Schutz suchenden Menschen wieder fit gemacht. Unter der Aufsicht von Manfred Wulf und einem Flüchtling gehen sie so einer sinnvollen Tätigkeit nach und freuen sich bereits über einhundert neu aufbereitete Räder.

Beim Café International ist auch Oliver Augustin anzutreffen. Der 32-jährige leistete dreizehn Jahre Dienst bei der Bundeswehr und engagiert sich nun neben seinem Fernstudium seit einem Jahr in der Flüchtlingsarbeit als Pate. „Mich aktiv an der Hilfe zu beteiligen erscheint mir am sinnvollsten“, so der junge Mann aus Sirksfelde.

Seit gut zwei Monaten kümmert er sich nun um eine Familie aus Syrien, die er in alltäglichen Dingen begleitet und unterstützt. „Ich helfe beim Einkaufen, bei Behördengängen, übersetze, fülle Anträge aus, zeige die Gesellschaftsregeln in Deutschland und versuche, erste Sprachkenntnisse zu vermitteln. Ursprünglich wollte der Vater, der bereits seit mehreren Monaten in Deutschland ist, seine Familie auf dem Wege der Familienzusammenführung hierher holen. Allerdings mussten seine Frau und die Kinder vorzeitig Syrien verlassen. Jetzt schauen wir, dass wir die Zusammenführung abschließen indem alle in eine gemeinsame Wohnung ziehen können“. Der Vater, Mohammed K. (Name geändert) möchte seinen richtigen Namen und den seiner Familie nicht preisgeben, aus „Angst vor dem Regime“ in Syrien. Er sei froh, heute in Sicherheit zu sein.

Sie leisten in der Flüchtlingsarbeit und im Verein Hoffnungsgrund wertvolle Arbeit (v. li.): Marion Kamp, Manfred Wulf, Alexandra Harloff und Johannes Düring. 

Das einjährige Jubiläum des Unterstützerkreises wird groß gefeiert: Die Kirchengemeinde Sandesneben und das Amt Sandesneben-Nusse bedanken sich mit einem „Helferfest“ für die Ehrenamtlichen und „ihre“ Flüchtlinge am 25. November 2015 für das große ehrenamtliche Engagement bei der Bewältigung der Flüchtlingsaufnahme.

Der Verein Hoffnungsgrund

Der Verein „Hoffnungsgrund für Flüchtlinge und MigrantInnen e. V.“ gründete sich im Sommer des letzten Jahres. Er tritt besonders für in Not geratene Flüchtlinge und Asylsuchende ein. Für den Verein verantwortlich sind Alexandra Harloff, 63, und Johannes Düring, 55. Beide bewohnen gemeinsam mit Flüchtlingen ein großes Pfarrhaus in der ländlichen Idylle, das mit viel Arbeit teilsaniert wurde und wird. Die beiden bieten Schutz, Zuspruch und ein gutes Miteinander.

„Wir verstehen uns als Herberge“, sagt Johannes Düring, der 29 Jahre in der Abtei Münsterschwarzach als Benediktiner-Mönch lebte. Er entschied sich für ein Leben in Partnerschaft – mit Alexandra Harloff, studierte Theologin, Sonderpädagogin und Fundraiserin. Das Paar mit seiner Lebens-und Berufserfahrung, Herzensweisheit und dem fachlichem Know-how ist ein echter Glücksfall für die Region.

Der Verein bietet über Schutz für Flüchtlinge hinaus Friedensarbeit und Jugendhilfe und gewaltfreie Selbstverteidigung und Konfliktbewältigung (Aikido), interkulturelle und interreligiöse Begegnung und Verständigung, Bildungsangebote, Förderung des Demokratieverständnisses durch bürgerschaftliches Engagement zugunsten der Integration von hilfebedürftigen Flüchtlingen, Stärkung von Toleranz und wechselseitiger Hilfsbereitschaft von Einheimischen und Flüchtlingen. Um diese wichtige Arbeit des Vereins und auch der Kirchengemeinde Sandesneben zu unterstützen, wurde ein Spendenkonto eingerichtet: Verein Hoffnungsgrund, Evangelische Bank, IBAN: DE 91 5206 0410 0006 4589 55, BIC GENODEF1EK1, Zweck: Flüchtlingshilfe KG Sandesneben. Bitte Namen und Anschrift für steuerabzugsfähige Zuwendungsbestätigung nicht vergessen.

Die Flüchtlingsinitiative Sandesneben-Nusse

Bürger aus 26 Gemeinden haben sich in der Flüchtlingsinitiative organisiert, um Menschen in Not zu unterstützen. Wer persönlich oder mit Spenden helfen will, ist dazu herzlich eingeladen. Es gibt verschiedene Wege des Engagements: 1. Sprachpaten: Sie vermitteln erste Worte für den Alltag. 2. Patenschaften: Sie betreuen und begleiten Flüchtlinge – sei es im Supermarkt, bei der Wohnungssuche, bei Ämtern oder anderswo. 3: Orga-Gruppe: Dieses Team kümmert sich um Veranstaltungen wie das „Café International“, die Verteilung von Sach- und Geldspenden, Aktivitäten sowie die Kommunikation nach innen und außen.

Wer spenden möchte, kann Sachspenden wie Kleidung, Möbel, Gebrauchsgegenstände für den Haushalt und Fahrräder abgeben und sich dafür per E-Mail bei hubertkruse@gmx.de melden. Geldspenden nimmt auch das Amt Sandesneben-Nusse entgegen: Empfänger: Amtskasse Sandesneben-Nusse, Kreissparkasse Herzogtum Lauenburg, IBAN: DE 88 2305 2750 0008 0000 50, BIC: NOLADE21RZB, Zweck: VV 9998 Spende Flüchtlinge.