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Serie: 150 Jahre Kreise in Schleswig-Holstein

Teil 1: Das Gemeinschaftsarchiv Schleswig-Flensburg – Die Schwester der Kulturarbeit
Ulrike Skehr und Wolfgang Thiele. Foto: hfr

Von Bettina Albrod

Im „Braunen Buch“ der Stadt Schleswig aus dem frühen 16. Jahrhundert hat ein Stadtschreiber unter anderem Gerichtsprotokolle zu Hexenprozessen handschriftlich festgehalten. Nachdem die Einträge wissenschaftlich aufgearbeitet und veröffentlicht wurden, weckten sie das Interesse der Bürger, bis schließlich ein Arbeitskreis „Rehabilitationsgruppe Hexenprozesse Schleswig“ entstand. Das Beispiel zeigt, was ein Archiv leisten kann: „Ein Archiv holt Geschichte wieder hervor, die sonst weg wäre“, erklärt Ulrike Skehr, zusammen mit Wolfgang Thiele für das Gemeinschaftsarchiv Schleswig-Flensburg zuständig.

Das gemeinsame Archiv für die Stadt Schleswig und den Kreis Schleswig-Flensburg existiert seit 1996, das Kreisarchiv wurde schon 1981 gegründet. Anders als üblich ist das Schleswiger Archiv nicht bei der Kreisverwaltung angeschlossen, sondern eine Einrichtung der Kulturstiftung des Kreises Schleswig-Flensburg. Ergeben hat sich die Zuständigkeit aus der Geschichte. „1980 wurde der Leiter des damaligen Instituts für Weiterbildung in Schleswig damit beauftragt, sich um die Einrichtung eines Kreisarchivs zu kümmern“, erklärt Ulrike Skehr, „und das hat er auch getan.“ Als 1987 die Kulturstiftung aus dem Institut hervorging, nahm der Leiter das Kreisarchiv mit. Das gehört neben der Kreismusikschule und dem Landschaftsmuseum Angeln bis heute zur Kulturstiftung.

Archivalien in Geheimschrift

„Die Kernaufgabe ist wie bei allen Archiven das Sichten, Bewahren und Zugänglichmachen relevanter Verwaltungsakten“, so Ulrike Skehr. „Wir sind ein Verwaltungsarchiv für Kreis und Stadt.“ Unterlagen vor 1950 lagern im Landesarchiv, ab 1950 gehören sie zum Kreisarchivbestand. „Die Kreise Schleswig und Flensburg sind 1974 zusammengelegt worden, wir haben beide Archive im Bestand.“ Zusätzlich gehört auch das Stadtarchiv Schleswig zum Gemeinschaftsarchiv. Seit das Landesarchivgesetz eine professionelle Archivarbeit vorschreibt, ist Ulrike Skehr auch damit beauftragt, Archivberatung für ehrenamtlich geführte Ämter und Gemeinden im Kreis anzubieten und ihnen bei der Umsetzung des Landesarchivgesetzes zu helfen. „Die Archive sollen an Ort und Stelle in den Kommunen bleiben, aber ich gebe professionelle Unterstützung zu Archivtechnik, Bestandserhalt und Umsetzung des Gesetzes.“

Die Schriftstücke des Stadtarchivs reichen weit zurück. Dem Wechsel der Schriften ist es zuzuschreiben, dass Sütterlin mittlerweile zur Geheimschrift geworden ist, die nur wenige Kundige noch entziffern können. Das wird ein Problem, wo Nutzer des Archivs die Schriftstücke nicht lesen können. Immer wieder haben deshalb Volkshochschulen Kurse im Programm, die das Lesen von Sütterlin beibringen, und in manchen Städten haben sich Sütterlin-Kreise gebildet, in denen meist ältere Mitglieder Schriftstücke transkribieren.

Das braune Buch der Stadt hat Hexenprozesse aus dem 16. Jahrhundert aktuell werden lassen.

Die Mütze von Friedrich Lübke

Neben dem Kernbestand der Archive – den Verwaltungsvorgängen - gibt es eine Reihe von privaten Sammlungen, die dem Archiv überlassen werden. So lagert in Schleswig der gesamte Bestand der Kreisverkehrsbetriebe mit der Geschichte der Kleinbahn in Flensburg und der Kreisbahn in Schleswig im Archiv. „Da kommen Anfragen von Eisenbahnfreunden aus dem gesamten Bundesgebiet“, hat Ulrike Skehr beobachtet. Der Nachlass von Friedrich Lübke, dem Bruder des einstigen Bundespräsidenten, inklusive seiner Mütze liegt im Archiv, die Flurbereinigung der 1960er- und 70er-Jahre ist dokumentiert, Materialien einer frühen linksalternativen Gruppe gehören zum Bestand, die Feuerwehrzeitung von Schleswig-Holstein liegt fast vollständig vor, und so genannte Herdbücher halten die Herkunft und Stammbäume von Kühen in der Region fest.

 Carl Ferdinand Suadicani war ein berühmter Arzt im späten 18. Jahrhundert, setzte sich dafür ein, die Behandlung psychisch Kranker zu modernisieren, und war 1817 Begründer einer der modernsten Anstalten in Schleswig. Auch sein Briefwechsel wird im Schleswiger Archiv aufbewahrt, das seinen Sitz in Schleswig passenderweise in der Suadicani-Straße hat. Fotos, Karten und anderes Sammelgut von Parteien, Vereinen oder Gewerkschaften ergänzen den Archiv-Bestand.

Verantwortung dokumentieren

Wie schon am Beispiel der Hexenprozesse gibt es viele Unterlagen aus der Vergangenheit, die für die Gegenwart weiterhin Bedeutung haben. Hier kann das Archiv Aufschlüsse darüber geben, wie Besitzverhältnisse und Zuständigkeiten waren, um zur Klärung von Verantwortlichkeiten beizutragen. Auch die Geschichte der Landräte im Kreis ist mit Hilfe alter Personalakten aufgearbeitet worden. 2020 steht das Grenzjubiläum in Flensburg an – dann werden die Archivmaterialien von 1920 im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen.  „Archive schlagen die Brücke zur Gegenwart“, fasst Ulrike Skehr die Bedeutung der Archive zusammen.

Lesen Sie im nächsten Teil wie das Kreisarchiv Nordfriesland wertvolle Archivalien aus dem 18. und 19. Jahrhundert hinter schweren Panzertüren sichert und wie sie so sortiert werden, dass man sie wiederfindet.