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Was hilft, ist euer Lächeln...

Ein Interview mit drei syrischen Flüchtlingen in Mölln
In Mazedonien mussten Ahmad, Gassan und Majd tagelang rund 200 Kilometer entlang einer Zugstrecke gehen. Foto: Finck

Mölln. Herzogtum direkt war zu Gast bei Ahmad* (32), Gassan* (35) und Majd* (36). Im Mai sind sie aus Syrien geflohen und seit Juli in Deutschland. Nun leben sie in Mölln und warten darauf, eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Das Interview wurde auf Englisch geführt.

Herzogtum direkt: Hallo, schön, dass ihr euch so schnell und unkompliziert für ein Interview zur Verfügung gestellt habt. Erzählt doch kurz ein bisschen etwas über euch!

Ahmad: Danke, wir freuen uns sehr über diese Gelegenheit. Ich bin Ahmad, ich komme aus Latakia. Nach meinem Maschinenbau-Studium habe ich bei einer Öl- und Gasfirma gearbeitet. Zu Hause habe ich noch eine Ehefrau, aber keine Kinder.

Gassan: Ich wohnte mit meiner Frau und meiner siebenjährigen Tochter und meinen dreiährigen Zwillingen in Damaskus und habe auch studiert. Und zwar Philosophie und Sozialwissenschaften. Ich hatte einen Job im Bereich der Telekommunikation, bevor ich geflohen bin.

Majd: Ich leitete einen Taschenladen in Hama. Davor habe ich Elektrotechnik studiert. Ich habe eine Frau, zwei Töchter (7 und 9 Jahre) und einen sechs Monate alten Sohn.

Hz direkt: Wie kommt es, dass ihr drei geflohen seid? Kanntet ihr euch schon vor der Flucht?

Ahmad: Gassan und ich haben uns auf der Flucht in der Türkei kennengelernt. Majd ist erst in Deutschland zu uns gestoßen. Nein, vorher haben wir uns nicht gekannt. Aber jetzt sind wir wie Brüder. Uns hat alle drei das gleiche Schicksal ereilt. Seit vier Jahren ist in Syrien Krieg. Vor dem Krieg gab es sicherlich keine Flüchtlinge aus Syrien, die nach Deutschland gegangen sind. Uns ging es doch recht gut, würde ich sagen. Nun kämpfen Regierungstruppen gegen Rebellentruppen und Syrien ist kein sicherer Ort mehr. Wir haben immer versucht, uns aus allem rauszuhalten und gehofft, dass der Krieg bald aufhört. Doch eines Tages bekamen wir einen Brief von der Regierung. Das war ein Einberufungsbefehl. Wir sollten innerhalb weniger Wochen zum Militär gehen. Wir wollten aber nicht zur Armee, wir wollen nicht kämpfen. Wir wollen einfach nur ein normales Leben führen: zur Arbeit gehen, um die Familie zu versorgen. Als nun die Einberufung kam, war uns allen klar, dass wir fliehen müssen.

Hz direkt: Das muss ein ziemlicher Schock für die Familie gewesen sein?

Ahmad: Wenn du am Tag der Einberufung nicht auftauchst, bist du landesweit auf einer roten Liste und der Sicherheitsdienst sucht nach dir. Meine Frau hat mich bedrängt, nicht allzu lange zu warten. Es blieb nicht viel Zeit, sich innerlich auf die Flucht vorzubereiten oder uns richtig zu verabschieden.

Gassan: Es tut immer noch weh, die Familie zurückgelassen zu haben. Ich bin genau an meinem Geburtstag losgegangen. Schau hier, da gibt es noch das Foto, wie wir alle ein letztes Mal gemeinsam Torte essen.

Ahmad: (scherzend) Hast du dir auch ein ordentliches Stück mit auf den Weg genommen?

 

Schlauchboot Flucht KosMit diesem Schlauchboot erreichten sie die griechische Insel Kos. Foto: privat

Hz direkt: Viele Syrer fliehen über die Türkei nach Griechenland. Wie habt ihr diesen Meeresweg überbrückt?

Ahmad: Die meisten gehen von Azmir oder Bodrum weiter nach Griechenland. Wir haben von Freunden und Bekannten gehört, welche Route besser ist und vor allem, welchen Menschen wir vertrauen können. So haben Gassan und ich uns auch kennengelernt: Wir machten beide einen Deal mit demselben Schmuggler, der uns mit seinem Schlauchboot nach Griechenland brachte. Wir waren 40 Leute an Bord und jeder musste 1.000 Euro zahlen.

Hz direkt: Oh, der Schmuggler muss jetzt ein reicher Mann sein!

Ahmad: Ja, das ist er ganz bestimmt. Die erste Überquerung hatte nicht geklappt, die türkische Polizei hatte uns aufgegriffen. Dann haben wir noch eine weitere Nacht im Hotel verbracht und dann am nächsten Tag hatten wir Glück. Du kannst ja die griechischen Inseln von Bodrum aus sehen. Die Überfahrt ist also nicht tagelang wie für Leute aus Libyen. Wir haben etwa zwei Stunden gebraucht.

Majd: Meine Fahrt hat sechs Stunden gedauert, ich bin von Azmir aus gefahren. 1.200 Euro hat es mich gekostet.

Gassan: Unsere Dokumente und das Geld haben wir in Plastiktüten verpackt oder in Luftballons, um sie vor Wasser zu schützen. Das klingt bestimmt sehr lustig mit den Luftballons. Ihr lacht vielleicht darüber, aber wenn wir uns daran erinnern, ist uns zum Weinen!

Hz direkt: Wie sah von dort aus eure Route aus? War Deutschland von Anfang an euer Ziel?

Ahmad: Von Griechenland aus sind wir zu Fuß durch Mazedonien und dann über Serbien und Ungarn nach Österreich und dann nach Deutschland. Wir haben uns sehr bewusst für Deutschland entschieden, weil wir mit unserer Familie in einem sicheren Land leben wollen. Wir schätzen es sehr, dass man in Deutschland – unabhängig von Meinung oder Religion – als Mensch behandelt wird.

Hz direkt: Und wo seid ihr in der ganzen Zeit untergekommen? Hattet ihr genügend Essen und Geld dabei?

Gassan: Ich sag nur: Snickers und Red Bull! Das hat uns gerettet, wenn wir mal ein paar Tage nichts Ordentliches zu essen kaufen konnten. Und was das Geld anbelangt: Unsere Familie hat uns immer über Western Union Geld geschickt.

Ahmad: Wir haben, so oft es ging, in Hotels oder Gästezimmern übernachtet. Das war nicht immer möglich.

Majd: Ja, zum Beispiel auf den griechischen Inseln musste ich fünf Tage auf der Straße verbringen.

Gassan: Und in Mazedonien! Das war so schlimm.

Hz direkt: Mazedonien war schlimm? Mögt ihr erzählen, warum?

Ahmad: Damals hatte die mazedonische Regierung Syrern die Durchreise noch nicht erlaubt, also konnten wir keinen Zug oder Bus nehmen. Wir mussten den ganzen Weg, also rund 200 Kilometer, zu Fuß gehen. Wir sind tagelang entlang der Zugstrecke gegangen, und es wollte kein Ende nehmen. Nachts haben wir zwischen den Bäumen, in der Nähe der Straße geschlafen.

Gassan: Und wurden immer um vier Uhr wieder wach, weil es so kalt war!

Ahmad: Es gab auch keine Hilfsorganisationen, kein Rotes Kreuz, niemand, der uns hätte helfen können. Schlimmer noch, in Mazedonien gibt es mafiöse Banden, die die Flüchtlinge überfallen.

Hz direkt: Ist euch das auch passiert, wurdet ihr auch überfallen?

Ahmad: Ja, zweimal sogar. Einmal hatten wir den Weg verloren, es war schon ganz dunkel. So dunkel, dass wir wirklich gar nichts mehr sehen konnten. Wir hatten solche Angst. Wir fanden eine Kirche und klopften an. Der Mann an der Pforte öffnete nur einen kleinen Spalt und fragte, was wir wollen. Ich erklärte ihm, dass wir aus Syrien seien, zeigte ihm meinen Pass. Wir baten darum, für ein paar Stunden bleiben zu dürfen, bis zum Sonnenaufgang nur. Das hier war kein sicherer Ort, um draußen zu schlafen! Aber er ließ uns nicht hinein.

Gassan: Wir mussten also draußen bleiben. Keine zehn Minuten später kamen bewaffnete Männer und verlangten unser Geld. Wir waren acht Personen, aber was konnten wir tun?

Ahmad: Wir hatten ja nicht wie sie Pistolen oder Elektroschocker. Außerdem, hätten wir uns gewehrt, dann würde in den Medien stehen: Flüchtlinge machen Probleme! Wir versuchten zu verstehen, warum sie uns ausrauben. Wir haben nichts, wir haben alles schon verloren, als wir unser Land verließen! Ich sagte ihnen: Der Euro, den du von mir nimmst, ist der Euro, den ich meiner Frau wegnehmen musste, um fliehen zu können! Nun, einer der Männer erklärte uns, das Geld sei nicht für ihn, sondern für den "Big Fish", also seinen Boss. Ihnen war es egal, dass wir schwach waren.

Hz direkt: Das hört sich wirklich schrecklich an!

Ahmad: Weißt du, eben war ich noch zu Hause und nun, keine zehn Tage später, schlafe ich auf der Straße. In meinem Land bin ich ein erfolgreicher Mann, kein Obdachloser. Das zu begreifen, ist nicht leicht!

Gassan: Zwischenzeitlich sind wir wie verrückt geworden. Wir waren wie Monster, keine menschlichen Wesen mehr. Schlafen, gehen, weiter gehen. Manchmal haben wir uns einfach nur in den Schlaf geweint.

Hz direkt: Wenn ich das so höre, fange ich an zu verstehen, warum ihr nicht eure Familien mitgenommen habt. Manch einer in Deutschland wundert sich, warum so viele Männer kommen und alle ihre Frau und Kinder daheim lassen?

Gassan: Denkst du, ich würde meine Frau und meine Kinder mit mir auf die Flucht nehmen und mit ihnen auf der Straße schlafen, zwischen den Bäumen? Und dann hört man ja auch immer wieder von Leuten, die bei der Meeresüberquerung umgekommen sind. Wir als einzelne Männer, wir können die Strapazen auf uns nehmen, können das Risiko eingehen. Aber ich akzeptiere das nicht für meine Familie. Ich hätte zuviel Sorge um sie.

Ahmad: Wenn ich sterbe, ist das kein Problem, aber was wird aus meinen Kindern, darüber denken wir die ganze Zeit nach. Wenn wir allerdings eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland bekommen, gilt das auch für unsere Familie. Die kann dann ganz normal mit dem Flugzeug hierher reisen und muss nicht den gefährlichen Weg auf sich nehmen.

Majd: Und natürlich gibt es Familien, die keine andere Wahl haben, weil sie zu Hause schon alles verloren haben, weil vielleicht ihr Haus zerstört ist, es keinen Platz mehr zum Schlafen gibt. Dann gehen natürlich alle zusammen auf die Flucht.

Hz direkt: Und verlief die Tour nach Mazedonien einfacher? Was ist aus den anderen geworden, ihr wart doch zu acht?

Ahmad: Nein, leicht war der Rest des Weges auch auf keinen Fall. Aber wir mussten nicht mehr soviele Tage am Stück zu Fuß wandern. Die Sache ist die, wir hatten alle Angst vor Ungarn. Die Ungarn nehmen einen Fingerabdruck von dir und dann überlassen sie dich dir selbst. Oder schlimmer noch, du landest im Gefängnis. Wir wollten auf alle Fälle verhindern, dass man uns einfängt und zwingt, einen Fingerabdruck zu machen. Wegen des Dubliner Übereinkommens hätten wir dann nicht weiter nach Deutschland gekonnt. Also haben wir wieder einen Deal gemacht.

Gassan: Der hat 1.700 Euro pro Person gekostet. Für eine sechsstündige Autofahrt durch Ungarn nach Österreich.

Ahmad: Abgemacht war, dass wir zu Fuß über die ungarische Grenze kommen und dort von einem Schmuggler abgeholt würden. Doch während wir die Grenze überquerten, tauchte plötzlich ein Helikopter über unseren Köpfen auf! Sie hatten uns erspäht.

Gassan: Dann sahen wir unser Auto und sind schnell reingesprungen. Die vier anderen, mit denen wir unterwegs gewesen waren, wurden gefasst! Wir hatten Glück. War das ein Moment! Hätten sie uns erwischt, wäre alles verloren gewesen. Als wir im Auto waren, haben wir den Koran gelesen. Um Gott zu danken, dass er uns beschützt hat.

Ahmad: Und was mir besonders in Erinnerung blieb, war der Fahrer, ein ungarischer Christ. Ich sah die Tränen in seinen Augen und wie sie ihm die Wangen runter rannen. Er küsste das Kreuz von seiner Kette und ich dachte, dass doch in diesem Moment viel Weisheit liegt. Wir nutzen unterschiedliche Wege, Gott zu danken, doch letztendlich ist es derselbe Gott, der uns beschützt. Am Ende haben wir alle geweint vor Erleichterung.

Hz direkt: Nach zwei Monaten und vielen Entbehrungen seid ihr endlich in Deutschland angekommen und schließlich hier in Mölln gelandet. Herzlich Willkommen! Wie findet ihr es hier bei uns?

Ahmad: Wir freuen uns sehr hier zu sein. Die Menschen hier sind so fantastisch! Wir werden niemals die immense Unterstützung der Bewohner Möllns vergessen, wir sind so dankbar. Auch das Educare Institut und das Internationale Café sind tolle Einrichtungen. Schade ist nur, dass wir noch keinen offiziellen Deutschkurs belegen dürfen. Das geht erst, wenn wir eine Aufenthaltserlaubnis bekommen. Solange sitzen wir hier, drehen Däumchen und warten auf den Postboten.

Hz direkt: Ihr habt sicher auch schon von den besorgten Stimmen in Deutschland gehört?

Ahmad: Manche Leute in Europa haben Angst vor Muslimen. Es ist jedoch wichtig zu verstehen: Ja, wir sind Muslime, aber wir sind keine Terroristen. Wir sind einfach nur Menschen, die alles aufgegeben haben, um hierher zu kommen, weil wir Sicherheit für uns und unsere Familie brauchen. Wir drei zum Beispiel sind sogar auf die Universität gegangen in Syrien! Und wir sind auch nicht wegen des Geldes hier. Es ist für uns ganz schwer und unbegreiflich, dass wir momentan finanzielle Unterstützung von Deutschland bekommen, ohne arbeiten zu dürfen. In unserem Elternhaus haben wir gelernt, dass man arbeiten muss, um ausgeben zu können.

Rosen für die Möllner: Eine Dankeschönaktion der Flüchtlinge im Sommer 2015. Foto: Anders

Gassan: Ich möchte auf die Deutschen einen guten Eindruck machen. Von uns Syrern. Doch wir können nicht alle Regeln von alleine wissen, daher machen wir Fehler. Ich wünschte, ihr würdet nicht nur darauf warten, dass wir etwas falsch machen. Ich wäre froh, wenn man in uns auch das Gute sieht, was wir mitbringen.

Majd: Wir begrüßen jede Art von Treffen zwischen Deutschen und syrischen Leuten. Dort können wir Fragen beantworten und versuchen, uns zu erklären. Wenn ihr mich nur auf der Straße seht, dann wisst ihr nichts von mir, weil ihr mich nicht kennt. Daher ist es wichtig, dass wir miteinander reden und lernen, uns zu verstehen. Und es ist egal, wo so ein Treffen stattfindet. In einer Moschee oder Kirche, auf einem Fest, zu Silvester, ganz gleich: Wir sind dafür jederzeit offen!

Hz direkt: Gibt es etwas, das ihr unseren Lesern mitteilen wollt?

Gassan: Ich mag es, wenn mich Leute auf der Straße anlächeln. Ich brauche nichts, von niemandem, aber wenn ihr mich anseht und lächelt, bin ich glücklich. Das ist es, was ich an Unterstützung brauche. Euer Lächeln tut so gut.

Ahmad: Zwei Dinge fallen mir da ein. Zum einen wollen wir jede Aktivität in der Region unterstützen, die einen Nutzen hat für Mölln oder den Kreis. Wir haben viel Zeit und würden wirklich gerne als Freiwillige eingesetzt werden. Wer also unsere Hilfe gebrauchen kann, darf sich gerne an uns wenden. Und die andere Sache ist eine Idee, die uns gekommen ist. Wir sind mit anderen syrischen Flüchtlingen an das Rote Kreuz herangetreten, weil wir Blut spenden wollten. Nur leider ist das Problem, dass nur diejenigen Blut spenden können, die eine Aufenthaltserlaubnis haben. Man sagte uns, wir könnten nicht Blut spenden, weil wir nicht deutsch reden.

Gassan: (scherzend) Wir verstehen das nicht so genau. Vielleicht kommt das daher, weil das Blut der Deutschen rot ist und unseres ist blau!

Hz direkt: Könnt ihr euch vorstellen, wieder nach Syrien zurück zu gehen?

Majd: Ja, vielleicht. Immerhin ist Syrien unser Heimatland.

Ahmad: Ich bin mir nicht sicher. Ich habe in Syrien alles hinter mir gelassen, nur um nach Deutschland zu kommen. Wenn ich hier dann ein neues Leben aufgebaut habe, will ich wahrscheinlich nicht alles erneut aufgeben müssen, nur um in Syrien dann wieder von vorne anzufangen. Auf jeden Fall würde ich gerne mal eine Reise dahin unternehmen. Aber wenn das soweit ist, werde ich nicht alleine reisen. Sondern mit meinen guten deutschen Freunden.

Hz diekt: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Gabi Finck.

*Die Namen wurden aus Sicherheitsgründen von der Redaktion geändert.