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Zuviel Salz ist tödlich - Das Leiden Möllner Bäume

In der Möllner Altstadt beginnt der Herbst bereits im August, wie dieses Foto von Beate Schicker vom Sommer 2014 belegt. Foto: www.saltytrees.webnode.com

Mölln/Ratzeburg (aa). Salz entzieht dem Körper Wasser. Wer nur noch Salzwasser trinkt, wird innerhalb kurzer Zeit verdursten. Das gilt nicht nicht nur für Menschen, das gilt auch für Bäume. Besonders Bäume in der Möllner Innenstadt sind betroffen. Schuld ist hierbei insbesondere der Einsatz von Streusalz in den Wintermonaten.

Die Möllnerin Beate Schicker dokumentiert und fotografiert salzgeschädigte Bäume der Möllner Altstadt seit 2013. „Mir fiel irgendwann auf, dass die Bäume in der Innenstadt schon im Sommer braune Blätter bekamen. Ab da fing ich an, genauer hinzuschauen und mich zu informieren“, erklärt die Baumfreundin den Auslöser ihres Engagements. Neben ihrer anspruchsvollen Tätigkeit als Ärztin und Psychotherapeutin nimmt sich Beate Schicker so oft wie möglich Zeit, um den Zustand der Bäume durch das ganze Jahr festzuhalten. So protokolliert sie akribisch den Zustand des Stadtgrüns. „Ich habe so einige 'Kandidaten', die ich so durchs Jahr begleitet habe“, verrät Beate Schicker. Die Ergebnisse sind in ihrem täglichen Blog unter http://saltytrees.webnode.com/ zu lesen.

„Viele Bäume in Mölln sind schon im August kahl, weil dort im Winter gesalzen wird, dass sich die Balken biegen. Die Bäume entlang der Hauptstraße sehen ganz erbärmlich aus“, so Beate Schicker zum besorgniserregenden Zustand des Stadtgrüns. Mickrige, kahle oder gar irgendwann gar keine Bäume mehr nähmen nach Ansicht der Möllnerin dem urbanen Raum die Lebensqualität. Bäumen trügen gerade an heißen Sommertagen zu einem angenehmeren Klima in der Stadt bei. Doch seien Bäume im Sommer weit mehr als simple Schattenspenden. Durch Verdunstung gibt ein einziger ausgewachsener (gesunder) Laubbaum an einem warmen Sommertag mehrere hundert Liter Feuchtigkeit ab und trägt auch so zu einem angenehmen Klima bei. Darüber hinaus sorgen gesunde Bäume für Feinstaubfilterung, CO2-Bindung, Sauerstoffabgabe und Beherbergung von Vögeln und Insekten. Eine Stadt ohne Bäume wirke einfach nur trostlos, hält Beate Schicker fest.

Im Mai 2014 noch grün: Zwei Bäume in der Möllner Hauptstraße...

Was rät Beate Schicker der Stadt Mölln? „Ich habe da nichts zu raten. Meine Rolle ist es, die Menschen auf das Thema aufmerksam zu machen. Die Menschen sollten sensibillisiert sein für die Bedürfnisse und Leiden der Natur“, erläutert Beate Schicker gegenüber Herzogtum direkt. Ein Ausweg wären umweltfreundliche Alternativen zum Streusalz.

Beim Grünflächenamt der Stadt Mölln ist man bereits sensibillisiert. Leiter Jörg Thun und sein Team sind sich des Problems bereits bewusst und arbeiten an einer Lösung. „Wir sehen Frau Schicker Sorge als absolut berechtigt und haben dazu auch bereits eine verwaltungsinterne Dikussion“, erklärt Thun.

Die gleichen Bäume zwei Monate später: Bereits im Juli setzt langsam der Herbst ein...

Aktuell streut die Stadt Mölln bei Glätte mit einem Sand-Salz-Gemisch. Der Salzanteil sei nötig, damit der Sand im Winter streubar bleibt und nicht festfriert. Dieser wird im Freien gelagert. Eine Unterbringung in einem Gebäude wäre eine Lösung. Auch alternative Streumittel habe man bereits im Auge und sogar schon erste Testmengen eingekauft. „Wir warten aktuell auf den nächsten Wintereinbruch, um es einmal auszuprobieren“, sagt Jörg Thun.

Doch warum wird nicht sofort auf alternative Streumittel umgestellt? Diese sind häufig erheblich teurer als Salz und belasten daher stärker die Stadtkasse. Doch trotzdem sollte man umdenken, denn die Folgen des Salzeinsatzes kommen der Stadt letztlich auch teuer zu stehen. So sind während der regenarmen Sommermonate Mitarbeiter der Stadt regelmäßig unterwegs, um die Bäume in der Innenstadt zu wässern. Denn das Streusalz des Winters löst sich im Regen auf und sickert ins Erdreich. Hier verhindert es im Sommer, dass die Wurzeln der Bäume sich ausreichend Feuchtigkeit aus dem Erdreich ziehen können. Das Wässern ist zusätzlicher Arbeitsaufwand, der kostet. Dazu kommen Bäume, die bereits eingegangen sind, und daher ersetzt werden müssen. Laut Thun würden aufgrund des Streusalzeinsatzes Bäume im Durchschnitt nur noch rund 20 statt 50 Jahre alt: „Diese kurzlebigen Bäume sind dann nur Dekorationsgrün.“

Gesund sieht anders aus: die beiden Bäume im August...

Doch um die erhöhten Kosten teurer Streusalzalternativen mit dem Mehraufwand zum Erhalt des Stadtgrüns aufzuwiegen, fehlt es an verlässlichen Daten. Laut Jörg Thun hat eine Hamburger Bezirksbehörde hier bereits eine wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben. Sobald in einigen Jahren die Ergebnisse feststehen, könne man dieses auch auf Mölln runterbrechen.

„Aber unser Bemühen geht noch weiter“, verspricht Thun. Die Stadt müsse sich selbst hinterfragen, ob und an welcher Stelle überhaupt und mit welchem Material gestreut werden soll. Thun: „Wir müssen hier die Grenzen neu ausloten.“ Bislang geht man in Mölln, wie in fast allen anderen deutschen Städten auch, lieber auf Nummer sicher. Schließlich will man Glätteunfälle von Passanten, die anschließend gegen die Stadt klagen, vermeiden.

Gegen den Durst: Bewässerung Möllner Bäume im Sommer 2014. Fotos: saltytrees.webnode.com/

Zu guter Letzt liegt es aber auch an jedem Möllner Bürger selbst. Nicht selten findet Beate Schicker auf ihren Rundgängen auch Streusalz, das nicht von öffentlicher Hand sondern von Privatleuten auf die Gehwege gestreut wird. Dabei ist ihnen die Verwendung von Streusalz laut Straßenreinigungssatzung nicht erlaubt. Lediglich in „klimatischen Ausnahmefällen“ wie zum Beispiel Eisregen, sowie „an besonders gefährlichen Stellen an Gehwegen, zum Beispiel Treppen, Rampen, Brückenauf- oder -abgängen, starken Gefälle- beziehungsweise Steigungsstrecken oder ähnlichen Gehwegabschnitten“, darf dem Streumittel ein zehnprozentiger Salzanteil beigemengt werden, um ein Einfrieren zu verhindern. Das Ordnungsamt habe hier bereits ein Auge darauf, versichert Jörg Thun. Eine Ordnungswidrigkeit bei nicht Einhalten der Straßenreinigungssatzung kann in Mölln mit einer Geldbuße bis zu einer Höhe von 511 Euro geahndet werden.

Blick zum Nachbarn

Ein massives Baumsterben aufgrund des Einsatzes von Streusalz sei in Ratzeburg bislang nicht zu beobachten, wie Heinrich Meyer vom Fachdienst Tiefbau / Grünanlagen erklärt. „Wir haben in Ratzeburg den Vorteil, dass wir nicht so sandigen Boden haben wie in Mölln“, erklärt Meyer. Der Ratzeburger Boden sei lehmiger und speichere daher die Feuchtigkeit besser. Gerade im Sommer ist das ein absoluter Standortvorteil für Ratzeburger Bäume. Trotzdem habe er im Sommer an einzelnen Bäumen Schäden, sogenannte Blattnekrose (abgestorbene Teile des Blattgewebes) festgestellt. „Aber hier muss man vorsichtig sein, was Salzschäden und was Schäden durch Trockenheit sind. Das ist nicht immer eindeutig erkennbar“, so Heinrich Meyer weiter.

Meyer: „In Ratzeburg kann man leider nicht ganz auf Salz verzichten, weil wir hier ziemliche Steigungen haben. Doch der Bauhof ist inzwischen so gut in der Dosierung geworden.“ Der Salzanteil wird nur noch sehr fein dosiert beigemengt.

Und was sieht die Straßenreinigungssatz in Ratzeburg vor?

Die Gehwege, begehbaren Seitenstreifen, Fußgängerstraßen und Radwege sind bei Glatteis mit abstumpfenden Stoffen zu bestreuen. Als Streumittel sind zum Beispiel zugelassen: Sand, umweltverträgliche Granulate oder gleichwertiges Material. Um das Zufrieren des Streugutes zu verhindern, sind geringere Tausalzbeimengungen zulässig. Bei dieser Mischung darf jedoch nicht mehr als ein Teil Salz auf neun Teile Streugut verwendet werden. Die Verwendung reiner Tausalze beziehungsweise reiner tausalzhaltiger Mittel ist grundsätzlich nicht zulässig. Die verwendeten Streumittel sind nach Wegfall der Glätte aufzukehren sowie ordnungsgemäß und schadlos zu entsorgen. Streumittel dürfen ebenso wie Laub nicht vom Gehweg und von den Grundstücken in den Rinnstein gekehrt werden.“

„Ich bin der Meinung, im privaten Bereich braucht man überhaupt kein Salz. Das Problem ist aber, es gibt es überall zu kaufen und die wenigsten Menschen wissen, dass sie es nicht streuen dürfen“, führt Heinrich Meyer weiter aus. Sein Tipp für die Ratzeburger: Jedem Bürger ist es erlaubt, im Winter den Spielsand der städtischen Spielplätze als Streugut zu nutzen.